Institut für Arbeitskultur und berufliche Entwicklung

Publikationen · Kapitel II.2

Leidenschaft als soziales System

Leidenschaft ist mehr als ein inneres Feuer: ein sozioenergetisches Motivationssystem, geformt durch Werte, Resonanz und Institutionen.

Ich ver­su­che nun die so­zio­lo­gi­sche Rahmung von dem Mo­ti­va­ti­ons­sys­tem, das wir Lei­den­schaft nennen, zu be­schrei­ben. Soziale und kul­tu­rel­le Be­din­gun­gen be­stim­men, welche Tä­tig­kei­ten als lei­den­schaft­lich gelten, wie Emo­ti­o­nen aus­ge­drückt werden dürfen und welche Be­loh­nun­gen daraus folgen. Lei­den­schaft ist damit kein rein inneres Phä­no­men, sondern ein sozial co­dier­tes Ener­gie­sys­tem. Sie wird durch drei Di­men­si­o­nen, die sich ge­gen­sei­tig be­ein­flus­sen, sta­bi­li­siert. Jede po­si­ti­ve Ver­än­de­rung be­ein­flusst die anderen positiv, jede ne­ga­ti­ve Ver­än­de­rung negativ.

Die ko­gni­ti­ve Di­men­si­on: Kul­tu­rel­le Werte prägen die ko­gni­ti­ve Be­wer­tung, was als sinn­voll oder pres­ti­ge­träch­tig gilt, sie struk­tu­riert, worauf Lei­den­schaft ge­rich­tet werden darf.

Die af­fek­ti­ve Di­men­si­on: Das Aus­füh­ren eines Hobbys oder einer Tä­tig­keit, unserer Lei­den­schaft, führt zu emo­ti­o­na­ler Er­re­gung und Be­geis­te­rung. Wir fühlen uns gut und sind glü­ck­lich.

Die be­ha­vi­ora­le Di­men­si­on. Wir zeigen ein dau­e­r­haf­tes En­ga­ge­ment und in­ves­tie­ren Zeit und Kraft. Regeln lenken das Ver­hal­ten, Or­ga­ni­sa­ti­o­nen, Märkte und Rollen de­fi­nie­ren, wie Lei­den­schaft gezeigt, ka­na­li­siert und öko­no­misch genutzt werden kann.

Diese drei Ein­flüs­se wirken auf die psy­cho­lo­gi­schen Kom­po­nen­ten ein, halten das System stabil oder führen bei Dis­so­nan­zen zum Er­lö­schen der Lei­den­schaft. Somit ist sie ein in­sta­bi­les System, das ständig ak­tu­a­li­siert werden muss, Lei­den­schaf­ten können einfach „ein­schla­fen“, wenn wir ihnen länger nicht nach­ge­gan­gen sind.

Die the­o­re­ti­sche In­te­gra­ti­on in die So­zio­lo­gie fällt nicht schwer. Mit Bour­dieu lässt sich Lei­den­schaft als feld­s­pe­zi­fi­sche Selbst­bin­dung deuten. (So­zi­a­ler Sinn. Kritik der the­o­re­ti­schen Ver­nunft, Bour­dieu, 1993) Der Habitus formt, was als loh­nen­der Einsatz er­scheint (illusio). Lei­den­schaft wird zur sozial er­lern­ten In­ves­ti­ti­ons­be­reit­schaft, die auf be­stimm­te Tä­tig­keits­fel­der gelenkt ist, Sport, Wis­sen­schaft, Kunst, Pflege. Ka­pi­ta­li­en ent­schei­den darüber, wer Lei­den­schaft aus­le­ben kann. Sie ist also immer auch ein Produkt so­zi­a­ler Po­si­ti­on. So wie das Ausüben be­stimm­ter Lei­den­schaf­ten, etwa das Kla­vier­spiel oder der Surfs­port, kul­tu­rel­les und so­zi­a­les Kapital aufbaut und ein Feld der Di­stink­ti­on dar­stellt, so werden be­stimm­te Lei­den­schaf­ten ab­ge­wer­tet. Wie „fein“ die Un­ter­schie­de sind, kann etwa im Bereich des Essens er­forscht werden. Der Ort, die Art und der Preis des Es­sens­ge­hens be­stim­men den kul­tu­rel­len Wert, der Besuch im an­ge­sag­ten Street-Food-Laden oder im Sterne-Re­stau­rant er­mög­licht Di­stink­ti­on und An­er­ken­nung, der stän­di­ge Besuch bei Mc­Do­nalds nicht.

Lei­den­schaft ist also kein in­di­vi­du­el­les Gefühl, sondern eine sozial co­dier­te Ener­gie­form.

Hartmut Rosa liefert das ener­ge­ti­sche Bin­de­glied. Re­so­nanz be­schreibt ge­lin­gen­de Welt­be­zie­hung: ein Moment, in dem Subjekt und Welt sich wech­sel­sei­tig be­rüh­ren. Lei­den­schaft ent­steht und erhält sich, wenn solche Re­so­nan­ze­pi­so­den wie­der­holt er­fah­ren werden. Wo Re­so­nanz ab­bricht, etwa durch Ent­frem­dung oder Be­schleu­ni­gung, er­lischt auch das ener­ge­ti­sche Moment der Lei­den­schaft (Rosa, 2016).

Arlie Russell Hoch­schild schließ­lich zeigt, dass Gefühle selbst sozial re­gu­liert sind. Ihre Kon­zep­te der feeling rules und der emo­ti­o­nal labour ver­deut­li­chen, dass Emo­ti­o­nen in Or­ga­ni­sa­ti­o­nen und Märkten nicht nur privat, sondern funk­ti­o­na­li­siert sind. (The Managed Heart. Com­mer­cia­li­za­ti­on of Human Feeling, Hoch­schild, 1983) Lei­den­schaft steht damit im Span­nungs­feld zwi­schen au­then­ti­scher Hingabe und nor­ma­ti­ver Ge­fühls­a­r­beit. Sie kann öko­no­misch in­stru­men­ta­li­siert werden, etwa im Im­pe­ra­tiv, Arbeit müsse „mit Lei­den­schaft“ getan werden.

Aus der Syn­the­se ergibt sich ein in­te­gra­ti­ves Konzept: Lei­den­schaft ist für mich ein so­zioener­ge­ti­sches Mo­ti­va­ti­ons­sys­tem, ein zy­kli­sches, sozial ge­rahm­tes Ge­flecht aus Gefühl, Ko­gni­ti­on und Ver­hal­ten. Sozio, weil es durch Werte, Re­so­nanz und In­sti­tu­ti­o­nen geformt wird; ener­ge­tisch weil es Emo­ti­o­nen in an­hal­ten­de Hand­lungs­mo­ti­va­ti­on trans­for­miert; und ein System, weil seine Ele­men­te sich wech­sel­sei­tig ver­stär­ken.

Damit wird Lei­den­schaft zur Schnitt­stel­le zwi­schen Psy­cho­lo­gie und So­zio­lo­gie: Psy­cho­lo­gisch ist sie ein selbst­ver­stär­ken­des Mo­ti­va­ti­ons­sys­tem im Sinne Val­le­rands und so­zio­lo­gisch ist sie eine feld- und ha­bi­tu­s­ab­hän­gi­ge Dis­po­si­ti­on (Bour­dieu), genährt durch Re­so­nanz (Rosa) und re­gu­liert durch Ge­fühls­nor­men (Hoch­schild).

Lei­den­schaft ist also kein in­di­vi­du­el­les Gefühl, sondern eine sozial co­dier­te Ener­gie­form, die per­sön­li­che Iden­ti­tät, ge­sell­schaft­li­che Werte und in­sti­tu­ti­o­nel­le Er­war­tun­gen mit­ein­an­der ver­schal­tet. Wo Re­so­nanz­räu­me fehlen, Regeln Ge­fühls­aus­druck be­schnei­den oder Felder den Einsatz nicht be­loh­nen, ver­liert das System seine Energie, Lei­den­schaft er­schöpft sich. Wo hin­ge­gen Sinn, An­er­ken­nung und Hand­lungs­frei­heit zu­sam­men­tref­fen, ent­steht das, was als lei­den­schaft­li­che Arbeit oder Be­ru­fung erlebt wird: eine sozial ge­form­te, emo­ti­o­nal auf­ge­la­de­ne und ko­gni­tiv ver­an­ker­te Be­we­gung des Selbst im Raum der Ge­sell­schaft.

Literatur

  • Bourdieu, P. (1993): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Hochschild, A.R. (1983): The Managed Heart: Commercialization of Human Feeling. Berkeley: University of California Press.
  • Rosa, H. (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.
  • Vallerand, R.J. (2015): The Psychology of Passion: A Dualistic Model. New York: Oxford University Press.

Aus: Stuhr, Mathias (2026): Arbeit in der Beziehungskrise. Über Leidenschaft in digitalen Zeiten. Baden-Baden: Nomos, Kapitel II.2, S. 30–32. Ungekürzter Auszug.

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